Türkei ergreift mehrgleisige Notfallmaßnahmen: Fast 20 Milliarden USD Fonds liquidiert, Führungskräfte verhaftet, Handelsverbot
Der türkische Finanzminister bezeichnete das Risiko als „vorübergehend und kontrollierbar“; die Aufsichtsbehörden werden über hundert von sieben Vermögensverwaltungsgesellschaften verwaltete Fonds und Portfolios liquidieren, die mehr als 350.000 Anleger betreffen. Gegen 38 Personen wurden strafrechtliche Anklagen erhoben und zweijährige Handelsverbote verhängt; mehrere Führungskräfte von Finanzinstitutionen wurden verhaftet, festgehalten oder mit Ausreisesperren belegt. Die Zentralbank erhöhte das Volumen der Rückkauffinanzierung, lockerte die Kapitalkriterien für Banken und hob die Obergrenze für Kreditaufnahmen am Interbanken-Geldmarkt auf das Zehnfache des bisherigen Limits an. Der türkische Bankenaktienindex stieg am Donnerstag zeitweise um über 9 %, viele mittelgroße und kleine Aktien sanken jedoch weiterhin.
Die türkische Regierung versucht, die Liquiditätskrise im Fondssektor durch eine Vielzahl von Maßnahmen wie Fondsliquidierung, Marktregulierung und Unterstützung durch die Zentralbank zu bekämpfen, um zu verhindern, dass die Marktinstabilität auf das breitere Finanzsystem übergreift.
Laut Berichten hat die türkische Kapitalmarktaufsichtsbehörde am Donnerstag, dem 17. des Monats, lokale Zeit bekannt gegeben, dass über hundert von Tera, Pusula und anderen sieben Vermögensverwaltungsgesellschaften verwaltete Fonds liquidiert werden sollen, was ein Volumen von nahezu 20 Milliarden Dollar betrifft. Gleichzeitig wurde der Untersuchungsumfang ausgeweitet, mehrere Führungskräfte von Finanzinstituten wurden verhaftet, festgenommen oder mit Ausreiseverboten belegt.
Die Aufsichtsbehörden haben zudem Maßnahmen gegen mutmaßliche Kursmanipulationen ergriffen. Berichten zufolge hat die türkische Kapitalmarktaufsichtsbehörde gegen 38 Personen strafrechtliche Anklagen erhoben und ihnen für zwei Jahre Handelsverbote auferlegt. Betroffen sind Aktien von Katilimevim, Gundogdu Gida und Destek Finans Faktoring.
Nach Bekanntgabe der Notfallmaßnahmen zeigte sich eine Divergenz am türkischen Aktienmarkt: Der Leitindex BIST 100 stieg um 3%, der Bankenindex legte zeitweise über 9% zu, doch viele Small- und Mid-Cap-Aktien fielen weiterhin, was darauf hinweist, dass die politischen Stabilisierungsmaßnahmen den Druck auf den Markt noch nicht vollständig beseitigen konnten.
Kern des Konflikts ist, dass einige Fonds zuvor einen Großteil ihres Portfolios in Aktien mit niedrigem Freefloat und geringer Liquidität konzentrierten und durch Kreditaufnahme ihre Investitionsrisiken verstärkten. Als die Regulierung verschärft wurde und Fonds gezwungen waren, ihre Bestände zu reduzieren, während Investoren massenhaft ihre Anteile zurückforderten, zeigte sich schnell das Risiko, dass die Vermögenswerte schwer liquidierbar sind.
Über hundert Fonds von sieben Asset-Management-Unternehmen werden liquidiert, während die Aufsichtsuntersuchungen ausgeweitet werden
Die türkischen Aufsichtsbehörden haben den Handel mit zahlreichen Investmentfonds von sieben Vermögensverwaltungsgesellschaften ausgesetzt und deren Liquidierung angeordnet, darunter Tera Portfoy, Pusula Portfoy und Hedef Portfoy.
Wissende informierten ein Medienunternehmen, dass das Gesamtvolumen der zur Liquidierung vorgesehenen Fondsportfolios etwa 891 Milliarden Lira - circa 21,4 Milliarden Dollar - beträgt und etwa 353.000 Investoren betrifft. Ein anderes Medium berichtete, dass das Liquidierungsvolumen nahe 20 Milliarden Dollar liegt. Die Zahlen der beiden Medien unterscheiden sich leicht, zeigen aber, dass diese Maßnahme einen beträchtlichen Anteil der Fondsvermögen betrifft.
Neben der Liquidierung wurden die betreffenden Fonds vom Handel ausgesetzt, und gegen mutmaßliche Kursmanipulationen wurden Maßnahmen ergriffen. Bloomberg berichtet, dass die türkische Kapitalmarktaufsichtsbehörde Handelsverbote gegen Führungskräfte von Tera und Pusula verhängte, die sich auf Aktien von Katilimevim, Gundogdu Gida und Destek Finanz Faktoring beziehen.
Gleichzeitig wurde die Untersuchung von Fondstransaktionen auf Führungskräfte von Finanzinstituten ausgeweitet. Es wird berichtet, dass der Vorstandsvorsitzende von Pusula Portfoy, Muhammed Yariz, verhaftet wurde, ebenso wie Hedef Holding Chairman Namik Kemal Gokalp, Destek Holding Großaktionär Altunc Kumova und Tera Portfoy stellvertretender Geschäftsführer Ibrahim Bekci; Tera Holding Vorstandsvorsitzender Emre Tezmen wurde mit einem Ausreiseverbot belegt.
Diese Maßnahmen zeigen, dass die türkischen Behörden nicht nur versuchen, den Rückgabedruck zu mildern, sondern auch das Handelsverhalten und die Verantwortlichkeiten hinter der Krise aufzuarbeiten.
Zentralbank erhöht Lira-Liquidität, Bankenkapitalanforderungen werden gelockert
Abgesehen von Liquidierungen und Untersuchungen hat die türkische Zentralbank rasch Maßnahmen ergriffen, um dem Markt Liquidität zu bieten.
Laut Berichten hat die türkische Zentralbank das Volumen für Repo-Finanzierungen auf 300 Milliarden Lira erhöht und das Kreditlimit für Banken am Interbanken-Geldmarkt auf das Zehnfache angehoben, um die Liquidität der Lira am Markt sicherzustellen. Die Zentralbank erklärte, dass sie bei Bedarf weitere Maßnahmen ergreifen werde.
Die türkische Kapitalmarktaufsichtsbehörde hat zudem die Mindestanforderungen an Eigenkapital für Margin-Trades vorübergehend von 35% auf 20% gesenkt, zunächst bis zum 2. Oktober. Broker können gemäß ihrer internen Risikopolitik niedrigere Schwellen benutzen.
Die Bankaufsichtsbehörde erlaubt zudem Banken, die an der türkischen Börse gelistet sind, bis zum Jahresende flexible temporäre Berechnungen für Aktienrückkaufsprogramme hinsichtlich der Kapitaladäquanz vorzunehmen. Bloomberg berichtet, dass Banken die betreffenden Rückkaufsaktien aus den Kernkapitalanforderungen herausrechnen können.
Dieses Maßnahmenpaket richtet sich gezielt gegen Marktliquidität, Leverage-Trades und Kapitalanforderungen der Banken, um den kurzfristigen Finanzdruck zu mindern und weitere Auswirkungen von Fondsrückgaben und Aktienverkäufen auf das Finanzsystem abzuwenden.
Nach einem Rückgang von fast 10% in drei Tagen folgt die Erholung des Börsenleitindex, Small-Caps bleiben unter Druck
Nach dem Inkrafttreten der Maßnahmen zeigte sich eine Erholung am türkischen Aktienmarkt, jedoch nicht gleichmäßig.
Laut Marktdaten stieg der türkische BIST 100 Index am Donnerstag um etwa 3%. Zuvor hatte er an drei aufeinanderfolgenden Handelstagen insgesamt fast 10% verloren; in dieser Woche liegt das Minus bei 6,9% und könnte den schlechtesten Wochenwert seit März 2025 darstellen. Die Bankaktien erholten sich nach Bekanntgabe der staatlichen Maßnahmen deutlich, der Bankenindex legte am Donnerstag zeitweise um 9,4% zu.
Ein steigender Index bedeutet jedoch nicht, dass der Verkaufsdruck vollständig aufgehört hat.
Von über 550 börsennotierten Unternehmen in der Türkei fielen am Donnerstag 367 Aktien, darunter rund 170 mit einem Rückgang von 5% oder mehr; über hundert Small-Caps erreichten nahezu die regulatorische Tageslimit von -10%.
Analysten betonen, dass die Anpassung der Fondsregeln zu Kursrutschen bei illiquiden Aktien geführt hat, was Fonds, die solche Aktien halten, in Schwierigkeiten bei der Liquiditätsbeschaffung bringt und sie zum Verkauf von Kernholdings zwingt, um den Rückgabeverpflichtungen nachzukommen.
Die Divergenz am Markt verdeutlicht ein zentrales Problem: Die Maßnahmen der Aufsichtsbehörden und der Zentralbank helfen zwar, den allgemeinen Finanzdruck zu mindern, doch bei illiquiden Einzelwerten bleibt der von massiven Verkäufen ausgelöste Druck bestehen.
Tera im Zentrum des Sturms: Über 66.000% Rendite in drei Jahren, hochverschuldete Wetten auf verbundene Unternehmen
Ein Fokus der aktuellen Krise liegt auf dem schnell wachsenden Asset Manager Tera Portfoy.
Berichten zufolge wurde Tera von Emre Tezmen gegründet und verwaltet Vermögenswerte im Wert von etwa 730 Milliarden Lira, was etwa 15 Milliarden Dollar entspricht. Der Flaggschifffonds erzielte in den letzten drei Jahren eine Rendite von über 66.000% und erlangte dadurch große Aufmerksamkeit im Istanbuler Finanzkreis.
Hinter diesen enormen Renditen steht eine stark fokussierte Anlagestrategie: Der Fonds investierte mehrere Milliarden Lira in eine kleine Gruppe von verbundenen Unternehmen und hebelte das Investment durch Fremdkapital.
Wenn das Portfolio in Aktien mit geringem Freefloat und geringer Markttiefe konzentriert ist, kann eine erhebliche Diskrepanz zwischen Wertsteigerung und Realisierbarkeit des Kapitals entstehen. Wendet sich der Markt, ist ein Verkauf der Positionen ohne starke Preiseinbrüche kaum möglich.
Berichten zufolge teilte Tera am Mittwoch mit, dass seine Geldmarktfonds und Aktienfonds die Rückzahlungen nicht wie verlangt erfüllen können; bereits tags zuvor hatte Pusula Portfoy ähnliche Probleme gemeldet.
Tezmen verteidigte das Unternehmen in den sozialen Medien und erklärte, einige Fonds hätten lediglich "temporäre Liquiditätsprobleme" und das Unternehmen sei Ziel einer organisierten Spekulationsattacke. Dies ist seine persönliche Darstellung und reicht nicht aus, um die Ursache der Krise abschließend zu bestimmen.
Regulierungsverschärfungen lösen Bestandsreduzierungen aus – wie sich Liquiditätsrisiken zu Marktstress entwickeln
Die Ursachen der Krise reichen bis in den August zurück.
Berichten zufolge verschärften die türkischen Aufsichtsbehörden im August die Vorschriften für Aktienfonds, insbesondere für solche, die stark in Aktien von börsennotierten Unternehmen mit geringem Freefloat investiert hatten.
Die Regeländerungen zwangen einige Fonds zum Verkauf von Beständen, was zu Liquiditätsengpässen führte. Mussten Fondsmanager bei massenhaften Rückgaben liquidieren, und waren die Bestände wenig gehandelt, wurden Preise weiter gedrückt und ein Teufelskreis von „Kursverfall – mehr Rückgaben – Zwangsverkäufen“ begann.
Analysten betonen, dass die Portfolio-Konzentration in illiquiden Aktien ein wesentlicher Auslöser des aktuellen Marktchaos ist.
Dies führt auch dazu, dass die schnell wachsende Fondsbranche der Türkei einer strengeren Prüfung unterzogen wird. Denn wenn Fondsvolumen, Leverage und Portfolio-Konzentration gleichzeitig zunehmen, bedeutet die Erfolgsphase nicht automatisch, dass in Stressphasen eine Liquidierung problemlos gelingt.
Finanzminister sieht Risiko als „temporär und kontrollierbar“ – Markt wartet auf weitere Auswirkungen der Politik
Der türkische Finanzausschuss erklärte nach einer von Finanzminister Mehmet Simsek geleiteten Dringlichkeitssitzung, dass die aktuellen Probleme auf bestimmte Segmente des Fondsmarktes beschränkt und „temporär und kontrollierbar“ seien; man verneinte, dass breitere strukturelle Risiken bestehen.
Analysten bleiben trotzdem vorsichtig hinsichtlich der weiteren Entwicklung.
Piotr Matys, Senior FX Analyst von ITC Markets, sagt, die entschlossenen Maßnahmen von Zentralbank und Aufsicht verschafften Aktieninvestoren eine Atempause, aber es sei zu früh, das Ende des Ausverkaufs zu erklären.
Hasnain Malik, Leiter der Emerging Markets Equity Strategy von Tellimer, betont, dass die Kredit- und Sicherheitenbeziehungen zwischen Institutionen sowie potenziellen Ansteckungsrisiken schwer vorherzusagen seien. Die aktuelle Unruhe stehe jedoch offenbar nicht in Zusammenhang mit makroökonomischen Faktoren und sollte keine systemischen Risiken darstellen.
Unterdessen erklärte MSCI im Juni dieses Jahres, dass man die Aktionärstransparenz und koordinierten Handel in der Türkei weiterhin beobachte und möglicherweise die Bewertung des Marktes neu prüfen werde, falls Regulierungsvorhaben keine glaubwürdigen Fortschritte erzielten.
Das aktuelle politische Ziel der türkischen Regierung ist es, die Fondsrückgabe-Krise auf bestimmte Marktbereiche zu begrenzen und systemische Risiken zu vermeiden. Kurzfristig bieten die Erholung des Leitindex und der Bankaktien etwas Entlastung; doch anhaltende Verluste bei Small-Caps, umfangreiche Fondsliquidierungen und eine wachsende Zahl von Untersuchungen zeigen, dass die Wiederherstellung des Marktvertrauens weiterhin beobachtet werden muss.
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